Ein Bericht von Herr Schmitt
Als ich erfuhr, dass ich nach einem intensiven Bewerbungsverfahren als einer von nur vier Teilnehmenden aus ganz Deutschland für die Erasmus+ Studienreise „Digital Pedagogy and AI“ ausgewählt wurde, war die Vorfreude groß. Vom 10. bis 13. Februar 2026 durfte ich mich auf den Weg nach Tallinn und Helsinki machen. Gemeinsam mit 62 weiteren Schulleitungen, Lehrkräften und Digital-Koordinatoren aus ganz Europa ging es um eine der spannendsten Fragen unserer Zeit: Wie können wir Künstliche Intelligenz und digitale Werkzeuge sinnvoll, sicher und pädagogisch wertvoll in den Schulalltag integrieren?
Der intensive Austausch, die Hospitationen an den Schulen vor Ort und die Workshops haben mir wertvolle Impulse für unsere eigene Schulentwicklung gegeben. Gleichzeitig führten sie zu einer überaus positiven Neubewertung unseres eigenen digitalen Weges hier in Deutschland. Hier sind meine wichtigsten Erkenntnisse von dieser spannenden Reise:
1. Digitale Infrastruktur: Pragmatische Vielfalt und starke lokale Netzwerke
In den besuchten Schulen in Estland zeigte sich ein überaus flexibler und pragmatischer Umgang mit der digitalen Infrastruktur. Die Schulen nutzen bewusst ein hybrides Ökosystem: Sie kombinieren die Stärken weltweit etablierter Plattformen (wie Google Workspace oder Microsoft) nahtlos mit bewährten, flexiblen Tools wie Padlet. Da es keine zentral vorgegebene Cloud-Lösung gibt, genießen die einzelnen Schulen eine hohe Autonomie und können exakt die Werkzeuge wählen, die am besten zu ihrem pädagogischen Konzept passen.
Ergänzt wird diese Vielfalt durch herausragende nationale Eigenentwicklungen. Ein absolutes Best-Practice-Beispiel ist das System eKool (Externer Link zu eKool). Dieses digitale Klassenbuch fungiert als zentrales Herzstück der Schulorganisation. Es verbindet Lehrkräfte, Schülerschaft und Eltern in Echtzeit und sorgt für eine großartige Transparenz bei Lehrstoffen, Noten und Hausaufgaben. Zusammen mit Plattformen wie Opiq (Externer Link Beispiel 1, Externer Link Beispiel 2) für digitale Lernmaterialien mit interaktiven Elementen entsteht ein dichtes, hochfunktionales Netzwerk für den Schulalltag. Im Hinblick auf den Datenschutz befinden sich alle europäischen Partner in einem sehr konstruktiven Dialog darüber, wie sich Innovation durch KI und unsere hohen europäischen Standards optimal in Einklang bringen lassen.
2. Zwei Wege, ein Ziel: Inspirierende KI-Strategien im Vergleich
Nach unseren Schulbesuchen in Tallinn setzten wir mit der Fähre nach Helsinki über, um die finnische Perspektive kennenzulernen. Es war faszinierend zu sehen, wie unsere europäischen Nachbarn jeweils eigene, sehr erfolgreiche Schwerpunkte bei der Integration von Künstlicher Intelligenz setzen:
| 🇪🇪 Estland: Der praxisorientierte „Tool-First“-Ansatz | 🇫🇮 Finnland: Der pädagogische „Literacy-First“-Ansatz |
|---|---|
| Estland legt den Fokus auf die direkte, praktische Anwendung im Unterricht. Mit der Initiative „AI Leap“ wird die zeitnahe technische Ausstattung und Implementierung konkreter KI-Werkzeuge für Lehrkräfte und Lernende aktiv gefördert. So sammeln die Schulen frühzeitig wertvolle Praxiserfahrungen. | Finnland konzentriert sich stark auf den Aufbau einer grundlegenden KI-Kompetenz. Im Mittelpunkt stehen das tiefe Verständnis der Technologie („Wie funktioniert KI?“) und die kritische Reflexion. Lehrkräfte und Lernende erarbeiten sich so ein besonders fundiertes, nachhaltiges Medienverständnis. |
Beide Ansätze liefern fantastische Impulse für uns. Die spannende Aufgabe wird sein, diese beiden Stärken – die schnelle praktische Anwendbarkeit und das tiefe technologische Verständnis – an unserer Schule zu vereinen.
3. KI im Klassenzimmer: Die Balance aus geschütztem Raum und freier Entfaltung
Der konkrete Einsatz von KI-Anwendungen, wie wir ihn in Estland beobachten durften, zeigte uns spannende didaktische Lösungsansätze für den Unterricht:
- Der strukturierte Schutzraum („Walled Garden“): Für die Schülerschaft kommen oft speziell angepasste „Edu“-Varianten von KI-Tools zum Einsatz. Diese bieten durch vordefinierte Rollen und klare Instruktionen einen sehr sicheren und verlässlichen Rahmen für die ersten Schritte im Umgang mit KI.
- Raum für exploratives Lernen: In unseren internationalen Arbeitsgruppen haben wir sehr inspirierend darüber diskutiert, wie man diesen geschützten Rahmen in den höheren Klassenstufen sukzessive methodisch öffnen kann. Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern zunehmend Raum für freies, kreatives und exploratives Lernen mit der KI zu geben, während die Lehrkraft als didaktischer Lernbegleiter fungiert.
4. Strukturfaktoren als Ermöglicher digitaler Pädagogik
Die faszinierendsten Erkenntnisse brachten für mich die strukturellen Rahmenbedingungen. Es sind organisatorische Entscheidungen, die eine moderne Lernkultur erst richtig unterstützen:
- Educational Technologist: Diese Rolle ist nicht nur technischer Support, sondern echte pädagogische Beratung. Die hierfür freigestellte Zeit ist ein absoluter Schlüsselfaktor.
- Independent Learning Days: In Estland erlebte ich institutionalisierte Selbstlerntage (z. B. 1x monatlich). Schüler trainieren Selbstorganisation, während Lehrkräfte Zeit für kollaborative Schulentwicklung gewinnen.
- Modullernen & Trimester: Die Reduzierung der Gleichzeitigkeit von Fächern zugunsten einer höheren Intensität schafft Raum für tiefgehendes, projektorientiertes Arbeiten.
🏫 Einblick in die Praxis: Das Tallinna Pelgulinna Riigigümnaasium (PERG)
Besonders beeindruckt hat mich die Struktur am PERG. Das Schuljahr ist dort in drei Trimester unterteilt (01.09. – 21.11. | 24.11. – 20.02. | 02.03. – 09.06.).
Die absolute Besonderheit: Der Donnerstag ist Projekttag! An diesem Tag findet meist kein regulärer Fachunterricht statt, sondern die Schüler wählen sich in übergreifende Module ein, wie zum Beispiel:
- Künste: Architektur, Theater, „Vom Entwurf zum Modell“
- Gesellschaft: Psychologie & Menschenrechte, Debattierclub
- MINT: Programmieren in Python, Mechatronik, „Die Chemie des Kochens“
- Leben: Finanzielle Bildung, Kochen, Landesverteidigung
5. Device-Kultur & Lebensweltorientierung
Während unserer Hospitationen – unter anderem am Tallinna Saksa Gümnaasium und am Tallinna Pelgulinna Riigigümnaasium (PERG) – fiel mir der pragmatische Umgang mit Endgeräten auf:
- Begleitung statt Verbot: Smartphones sind ab einer bestimmten Klassenstufe und im freien WLAN erlaubt. Man folgt der Logik, dass Verbote keine Medienkompetenz fördern. Schule wird als der Ort verstanden, an dem der reflektierte Umgang mit der ständigen Verfügbarkeit des Internets erlernt wird.
- Ausstattungsgerechtigkeit: Durch einen Mix aus BYOD (Bring Your Own Device) für den Unterricht und einem Pool an Leihgeräten wird sichergestellt, dass digitale Bildung nicht vom Geldbeutel der Eltern abhängt.
6. Standortbestimmung: Starke Impulse aus Deutschland und RLP
Eine sehr erfreuliche Erfahrung im intensiven Austausch mit den 62 internationalen Kolleginnen und Kollegen war die Erkenntnis, wie weit wir in Deutschland bereits auf unserem digitalen Weg vorangeschritten sind. Wir konnten in vielen Arbeitsgruppen wertvolle eigene Best-Practice-Beispiele beisteuern, da der Einsatz von KI in der Breite bei uns bereits stark etabliert wird.
Die föderale Struktur in Deutschland ermöglicht es uns dabei, sehr passgenaue, regionale Lösungen zu entwickeln. Besonders unser Weg in Rheinland-Pfalz mit fobizz sticht im europäischen Vergleich als äußerst zukunftssicher und tragfähig hervor. Wir verfügen bereits über datenschutzkonforme, stabile und pädagogisch durchdachte Plattformen, die sowohl Lehrkräften als auch der Schülerschaft zuverlässig zur Verfügung stehen. Dies ermöglicht uns eine sichere, flächendeckende und didaktisch wertvolle Einbindung von KI, die auf großes internationales Interesse stieß.
Mein Fazit
Diese Reise hat mir eindrucksvoll bestätigt: Erfolgreiche „Digitale Pädagogik“ wird maßgeblich durch innovative strukturelle Entscheidungen getragen (wie moderne Lernorganisation, Zeitressourcen und Teamentwicklung).
Wir können von Estland und Finnland wunderbare Impulse mitnehmen, wie wir Freiräume für neues Lernen und kollaborative Schulentwicklung schaffen. Gleichzeitig können wir sehr stolz darauf sein, dass wir mit unseren digitalen Werkzeugen und Plattformen hier vor Ort bereits hervorragend aufgestellt sind und aktiv an der Gestaltung der digitalen Bildungszukunft in Europa mitwirken.








